Alles ist möglich: Mit eisernem Willen über 42,195 Kilometer
Der Sülzer Jörg Grünhagen läuft Marathon um Marathon - auch am 1. November in New York
New Yorker Staats-Zeitung, 24. Oktober 1998

Jörg Grünhagen
"Alles ist möglich",
sagt sich Marathon-
läufer Jörg Grünhagen,
hier beim Zieleinlauf
des Hamburger
Wettbewerbs.
Alles ist möglich! Das ist das Motto von Jörg Grünhagen. Kurz, prägnant, stark! Der 29jährige aus Sülze in Niedersachsen fliegt seit zwei Jahren von einem Marathonlauf zum nächsten, durch die ganze Welt und mit seinen respektablen Ergebnissen in Hamburg und Stockholm, New York, Las Vegas und Honolulu, in St. Petersburg und Reykjavik will er der Welt vor allem eines beweisen. Daß es jeder weit bringen kann, wenn er nur an sich glaub, wenn er nur einen festen Willen hat. Grünhagen selbst, noch vor Jahren eine klassische "Couch Potato" lief nach nur einem halben Jahr Training in New York eine Zeit von 3:58:46 Stunden, ein paar Monate später lief er in Hamburg bereits nach 2:54:14 Stunden über den Zielstrich. Mittlerweile liegen fünfzehn Läufe hinter Grünhagen und seine beste Zeit lief er in Reykjavik. Nach 2:44:08 kam er als zweiter ins Ziel. In zwei Wochen, am 1. November wird Grünhagen zum dritten Mal im "Big Apple" an den Start gehen - zusammen mit 30000 anderen Läufern und einem Team aus seiner Heimatstadt, wo er vor einem Jahr die "Celle Fun-Runners" gegründet hat. Denn es gibt eines, was Grünhagen gar nicht leiden kann: Faule Ausreden. Und damit niemand sage, der nächste Marathon wäre einfach zu weit weg, der Flug zu teuer und die Organisation zu schwierig, hat der 29jährige sein eigenes kleines Marathon-Unternehmen gegründet. Als Chef der "Celle Fun-Runners" bietet Grünhagen Lauf-Pakete an, die Flug, Unterkunft, die richtige Vorbereitung auf den Marathon, die Teilnahme am Lauf selbst und ein kleines touristisches Programm beinhalten. So kam es natürlich, daß Grünhagen sich bei all seinen letzten Reisen gar nicht allein auf den Lauf über die längste olympische Strecke konzentrieren konnte, sondern noch allerhand zu erledigen hatte. In Los Angeles traf er sich mehrfach mit Vertretern der führenden Hotels, um über Gruppenpreise zu verhandeln, in New York suchte er einen Bus-Partner und mit den Veranstalter des Marathons am Lake Tahoe überlegte Grünhagen gemeinsam, wie man das Ereignis an einem der schönsten Orte Amerikas noch attraktiver - und vor allem bekannter - machen könne. Seine "Fun-Runner" wissen Grünhagens Engagement zu schätzen. Im letzten November begleiteten sieben Celler den Sportler nach New York, um sich ihrerseits auf die 42,195 km lange Strecke zu wagen.
Celle-Fun-Runners
Letztes Jahr in New York. Im strömenden Regen
schafften alle Celler "Fun-Runners" den Marathon
durch die 5 Stadtteile bis hin zum Ziel am Central Park.
Wie aus Berichten der Celler Heimatzeitung hervorgeht, lag dabei für alle zwar der Höhepunkt der Reise in zwischen zweieinhalb und viereinhalb Stunden Laufen, aber den touristischen Reizen der "Capital of the World" konnten und wollten die Provinzsportler nicht widerstehen. Über den atemberaubenden Blick vom World Trade Center über das nächtliche New York schreibt der Sportredakteur der "Celleschen Zeitung", Jürgen Poestges: "Es fällt schwer, ist vielleicht sogar unmöglich, mit Worten zu beschreiben, welche Gefühle dieser Anblick auslöst. Vielleicht treffen es die Worte einer Fun-Runners-Schlachtenbummlerin am besten: Das kann man keinem beschreiben. Das muß man selber sehen und in sich aufnehmen und aufbewahren." Was Grünhagen selbst hingegen viel lieber verdrängen möchte, war sein Abschneiden beim letztjährigen Marathon. Nach 2:55:20 Stunden lief er als 486. über den Zielstrich im Central Park. Nun wäre diese Zeit und Plazierung für jeden Sportler ganz schön respektabel - nicht so für den 29jährigen. Getreu seinem Motto "Alles ist möglich" hatte er sich einen zeitlichen Rahmen von zweieinhalb Stunden gesteckt und vor dem Rennen gesagt: "Wenn ich nicht unter die ersten hundert komme, ist das für mich eine persönliche Niederlage." Bei allem Ehrgeiz, hier stellt Grünhagen sein Licht doch unter den Scheffel. Es ist nur selbstverstänlich, wenn für den mittlerweile international erfahrenen und bekannten Läufer Grünhagen das Finishen kein Erfolg mehr ist - aber unter die ersten hundert beim berühmtesten Marathon zu kommen, und das, wo dieser doch erst der dritte überhaupt in der noch kurzen Karriere des Sülzers war, das ist ein schier unerreichbares Ziel. Erst recht dann, wenn er sich quasi nebenbei, noch um die Organisation einer Reise für ein ganzes Rudel Marathon-Touristen kümmern muß. Wenn Grünhagen sich in diesem Jahr mehr auf den Lauf an sich konzentrieren kann, dann wird es vielleicht was mit seinem Ziel 1998. Beim Zieleinlauf im letzten Jahr sagte er: "Den Angriff auf die Top 100 in New York werde ich 1998 wieder starten." Nebenbei betreibt Grünhagen bei allen Marathonläufen übrigens ein ganz besonderes Hobby. Er führt Tagebuch - und zwar in einer Ausführlichkeit und Qualität, die es ihm erlaubt, seine Aufzeichnungen im Kreise seiner "Fun-Runners" sogar zu veröffentlichen. So kann sich der Sülzer auch nach Jahren an seine ersten Läufe zurückerinnern und in diesem Jahr erlebt er in New York vielleicht ein Déja-Vu. Schreibt Grünhagen doch in seinem Bericht über die Atmosphäre beim ´96er Marathon: "Am Dienstag schienen die Züge aus allen Nähten zu platzen. So viele Menschen waren auf dem Weg zur Parade.
Celle-Fun-Runners-Logo
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Die Stimmung war großartig. Ständig hörte man 'Let´s go Yankees'-Rufe und konnte die fröhliche Erregtheit der Menschen förmlich spüren. Endlich in Manhattan angekommen, begann das große Treiben zum Broadway hin, wo die Parade stattfinden sollte. Ich muß zugeben, daß mich selten in meinem Leben etwas so beeindruckte wie diese Parade. Schon eineinhalb Stunden vor Beginn säumten Hunderttausende die Strecke und es wurden ständig mehr. Vor mir versuchte eine verzweifelte Geschäftsfrau, sich den Weg zur gegenüberliegenden Straßenseite zu erkämpfen, da sie zur Arbeit mußte. Für diese Aktion erntete sie viel Gelächter und Zurufe wie: 'Hey, Babe, heute ist Yankee Tag, Ich mache mir keine Gedanken um meinen Job, warum also Du um Deinen?' Doch New York wäre nicht New York, würde hier ein Problem ungelöst bleiben und so fand sich auch für diese Frau ein Weg. Die Parade selbst war ein Riesenschauspiel. Abwechselnd führen Spieler, Offizielle und Pressewagen vorbei, dazwischen kamen immer wieder Big Bands, Marching Bands, Rock- und Popbands sowie jede Menge lokaler High School- und College-Baseballteams vorbei. Die wahren Stars waren jedoch die Zuschauer. Sie schienen überall zu sein. Sie klebten an jedem der unzähligen Hochhausfenster, sie standen zu Hunderttausenden am Broadway und jubelten ununterbrochen. Zusätzlich schien der ganze Himmel, das heißt, das wenige, was zwischen den Hochhäusern zu sehen ist, voll von Papierschnipseln, welche aus den oberen Stockwerken heruntergeworfen wurden und auf die Parade niederregneten. Nach gut 75 Minuten war die Parade dann vorbeigezogen. Sollte ich wirklich noch einen finalen Kick für den anstehenden Marathon benötigt haben, so kann ich nur sagen, daß ich jetzt voll motiviert bin. Oder, wie es die Amerikaner so passend sagen: 'I´m on fire!'" Nun ist die Yankee-Parade kein Ereignis, daß Grünhagen für seine mitreisenden Gäste von den Fun-Runners einfach buchen könnte - aber in diesem Jahr könnte er sich seinen "finalen Kick" wieder holen. Denn die Yankees stehen ja dicht vor ihrem nächsten Sieg in der World Series.