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Ab
Kilometer 32 wird gekämpft - gegen den inneren Schweinehund |
| Beim
"New York City Marathon" waren über 1500 Deutsche am Start - Die "Staats"
hat vier von ihnen begleitet |
New
Yorker Staats-Zeitung, 07.
November 1998 (Von
Lars Halter) |
Im
Ziel sind alle gleich - nämlich kaputt. Da gibt es keinen Unterschied
zwischen den Topstarts, die nach zwei Stunden und acht Minuten ins
Ziel kommen und denen, die erst nach neun Stunden im Central Park
einlaufen. Sicher, die allerschnellst Frau und der allerschnellste
Herr freuen sich nicht nur über eine Medaille, sondern nebenbei auch
über eine Menge Kohle und eine Dogde, doch die Losung für 30000 Sportler
heißt: Wer ankommt, hat auch gewonnen. Es geht nicht um die Zeit.
Es geht vielmehr darum stolzer "Finisher" zu sein. Am Start sind nicht
alle Läufer gleich. Da gibt es die Favoriten im roten Leibchen, die
mit den auch noch ziemlich guten "Blauen" die Oberschicht bilden,
also auf der Verrezano-Narrows-Bridge oben starten dürfen. Dann gibt's
die "Grünen", die Langsameren, die Senioren und die Rollstuhlfahrer,
die alle auf dem unteren Level der Brücke starten. Und sie alle gehen
mit ziemlich unterschiedlichen Zielen ins Rennen: manche setzen ehrgeizig
ein Limit auf 2.30 Stunden, andere laufen ihren ersten Marathon und
wollen einfach mal sehen, wie das so ist, nach vierzig Kilometern
immer noch nicht im Ziel zu sein. Es gibt Masochisten, die laufen
bis sie aus den Schuhen kippen und von den Sanitätern weggetragen
werden müssen und es gibt ganze Familien, die gemeinsam an den Start
gehen. Mutter, Vater, Kind und Kegel, die ein Happening aus dem Marathon
machen mit Pasta- und Power-Bar-Picknick.
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Ja, wo laufen sie denn...? Spekta-
kulärer Start mit über 30 000
Läufern auf der Verrazano-
Narrow-Bridge bei Staten Island.
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Die Marathon-Veranstalter
vom "New York Road Runners Club" sind daran interessiert, den Lauf
zum Happening zu machen. Das bringt nämlich nicht nur den Läufern
Spaß, sondern dem Klub Kohle. Vor allem bei der traditionellen Marathon-EXPO,
die dieses Jahr erstmals auf Pier 90 und 92 stattfand, macht sich
das bemerkbar. Bei der EXPO präsentieren unzählige Sponsoren Laufschuhe
mit Luftposlter und dem neuen Schnellschnürverschluß, die richtigen
Szeneklamotten in allen Schnitten und Farben für den modischen Läufer.
Für eifrige gibt´s einen schnellen Rat (und ein Autogramm) von der
neunfachen Siegerin Grete Waitz, für die Möchtegerns schon mal ganz
persönliche Cover auf der Läuferzeitschrift "Runner´s World". Wem
der Marathon in New York noch nicht genug ist, um den werben ein (etwas
übergewichtiger) Elvis für den "Rock´n Roll Marathon" in San Diego,
ein Buntgeschmückter für den "Mardi Grass-Marathon" in New Orleans
und Goofy für den Walt-Disney-Marathon im Ressort in Florida. Doch
zurück nach New York. Über 500 Deutsche waren am Sonntag beim Marathon
dabei, dazu 900 Schweizer (darunter Vorjahressiegerin Franziska Rochard-Moser)
und 200 Österreicher. Manch einer machte keinen Hehl aus seiner Herkunft
- einer trug einen großen schwarz-rot-goldenen Hut, ein anderer trug
tapfer eine Schweizerfahne ins Ziel - manche aber waren wirklich mit
großem Ehrgeiz ins Rennen gegangen und konnten sich im Ziel über starke
Zeiten freuen. Der Ehrgeizigste unter den Nicht-Professionellen war
sicherlich der 29jährige Jörg Grünhagen aus Sülze (siehe Ausgaben
42 und 43), der in diesem Jahr zehn Marathons unter drei Stunden laufen
will. Knapper als im "Big apple" hätte es für Grünhagen gar nicht
ausgehen können: Nach 2:59,26 Stunden kam er über die Ziellinie -
Platz 805 im Gesamtklassement, Platz 771 bei den Herren. Drei Läufer
waren zum Marathon eigens aus dem Lörracher Raum (Baden-Württemberg)
angereist: Peter Xander aus Grenzach-Wyhlen, Jürgen Schaider aus Rheinfelden
und Josef Baumgartner aus Eichsel. Xander und Schairer hatten den
New York-Trip zum vierzigsten Geburtstag geschenkt bekommen. Sportkamerad
Baumgartner hatte sich gerne angeschlossen und alle drei gingen mit
unterschiedlichen Erwartungen an den Start. Während der 42jährige
Josef Baumgartner sich nicht unter Druck setzen wollte (New York war
auch erst sein zweiter Marathon), so brachten die beiden anderen Richtzeiten
mit: Xander starke 2:33 Stunden, die er beim Berlin-Marathon vorgelegt
hatte. Schairer 2:55 Stunden vom Wettbewerb in München. "Zu eng darf
man diese Zeiten aber nicht sehen", statuierten beide allerdings schon
einen Tag vor dem großen Lauf. "Bei 30000 Läufern weiß man nie, wie
der Start läuft oder wie groß das Gedränge ist." Ein Zeitfenster hatten
sich beide eingerichtet und Baumgartner hatte nicht mal das nötig.
"Ich
will den Marathon unter vier Stunden schaffen, dann muss mein Geschäftsfreund
in Deutschland nämlich 15 Kilo abspecken - so haben wir gewettet."
So hatten die drei aus Südbaden alle ihren Ansporn und dennoch sahen
sie die Aktion "NYC-Marathon" auch unter dem Spaß-Aspekt. "Man versucht
ja immer einen Marathon auch mit einem Städte Trip zu verbinden und
da ist New York natürlich der absolute Höhepunkt", sind sich Xander
und Schairer einig, die immerhin schon die anerkannt schönen Marathons
von Hamburg und Wien gelaufen sind. In New York stand für die drei
aus Deutschlands sonnigem Süden denn auch nicht eben viel Training
an, sondern mehr Spaß. Xander: "Nach dem Marathon wird erstmal gefeiert.
Mit Bier bis zum Abwinken." Was sich nicht unbedingt sportlich anhört,
erklärt Jürgen Schairer aber: "Nach dem Marathon bringt einen Bier
viel schneller zu Kräften als die ganzen Isodrinks. Und betrunken
wird man nach einer solchen Anstrengung auch nicht, weil der Körper
auf den Alkohol gar nicht mehr reagiert." Schairer weiß wovon er spricht.
Bei seinen letzten Läufen in Europa haben ihn zwei Glas Gerstensaft
im Zielraum immer wieder schnell aufgebaut. Am Sonntag war´s allerdings
ein weiter Weg zum Ziel. "Das war der härteste Marathon, den ich je
gelaufen bin", meint Peter Xander nach dem Rennen und er brachte ja
schon die Erfahrung aus mehr als zehn Läufen in zwölf Jahren mit.
"Das war fast schon ein Berglauf." Von jenem Glücksgefühl, das den
Läufer nach Überwinden der Schmerzgrenze dazu treibt, euphorisch weiterzulaufen,
hat Xander beim Lauf durch die fünf Borroughs nichts gespürt. "Ich
hatte eigentlich während des ganzen Laufes zu kämpfen", so der Grenzacher
Läufer, der mit einer Zeit von 2:45:56 Stunden und dem 287. Platz
unter 31333 Startern doch zufrieden war. "Bestzeit zu laufen hatte
ich schon beim Start abgehakt", meinte Xander später über das Chaos
auf der Verrezano-Narrows-Bridge. "Wir sind ziemlich spät angekommen
und ich mußte, trotz meiner vorderen Startnummer ganz hinten stehen.
Dann hat es erstmal zwei Minuten gedauert bis ich überhaupt an der
Startlinie war. Und die ersten fünf Kilometer bist Du dann nur am
Überholen.

| Peter
Xander lief den Marathon in 2:45,56 Stunden. |
Zehnter
Marathon unter drei Stunden: Jörg Grünhagen |
"Jetzt
wird gefeiert": Jürgen Schairer wurde 1598. |
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Es ist
fast wie in der U-Bahn!" Nicht viel besser erging es auf den 42,195
Kilometern durch die City Josef Baumgartner. Der war nach drei schlaflosen
Nächten ("Mir macht die Zeitumstellung zu schaffen, ich kriege das
nicht auf die Reihe!") ohnehin nicht in Bestform, dazu kam dann der
schlechte Platz beim Start: "Aber ich habe gewußt, ich muß das jetzt
durchziehen", erklärt der 42jährige, für den Aufgeben nie in Frage
kam. 4 Stunden, 47 Minuten und 32 Sekunden brauchten Baumgartner am
Ende Platz 22272. Einen respektablen Platz 1598 schaffte der dritte
im Bunde: Jürgen Schairer. "Jürgen ist von uns am besten durchgekommen",
urteilt Peter Xander nach dem Lauf. "Er hat seine Kräfte gut eingeteilt
und kam am fitesten ins Ziel." Was alle drei auf dem harten Weg ins
Ziel angetrieben hat, war das Publikum. Peter Xander: "So etwas habe
ich noch nie erlebt - Du bist für jeden "The Greatest", die feuern
Dich ständig an und im Ziel gab´s sogar Ovationen." Und verpflegungstechnisch
haben sich die New Yorker auch ins Zeug gelegt. Josef Baumgartner
erinnert sich an Scharen von Familien, die sich privat organisiert
hatten, um Orangen und Drinks zu verteilen. Alle Verpflegung, Vitamine
wie Power-Gel, halfen den Südbadenern aber nicht über lähmenden Muskelkater
hinweg. Zwar schleppten sich Xander, Schairer und Baumgartner am Tag
nach dem Marathon noch durch den "Big Apple", um auch touristisch
ein bißchen von der Stadt mitzubekommen, "aber wir waren froh, daß
das Empire State Building einen Aufzug hat." Um den Muskelkater zu
besänftigen, gönnen sich die drei Läufer derzeit noch eine Woche Florida,
bevor es wieder heim geht. Da will dann keiner so schnell an den nächsten
Marathon denken. Höchstens den morgendlichen Lauf zur Arbeit - 15
Kilometer über den Rührberg - wollen sie noch beibehalten. Ganz anders
sind da die Ziele von Celles Fun-Runner Jörg Grünhagen. Er gönnte
sich zwar auch noch einige Tage in New York, flog dann aber nicht
heim, sondern direkt weiter zu Projekten in Sibirien. Der nächste
Marathon steht dann 1999 wieder auf dem Programm und zwar in Boston.
Sein Ziel für 1998 hat Grünhagen ja erreicht: New York war der zehnte
Marathon unter drei Stunden. |
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