
Der Sülzer Jörg Grünhagen
ist am morgigen Sonntag beim 27. New York Marathon dabei
Streetparade gibt den
letzten Kick –
Mit der Startnummer 1050
geht´s los
Nachdem der Sülzer Jörg
Grünhagen im vergangenen Jahr den New York Marathon in der amerikanischen
Millionenmetropole nur als Zuschauer verfolgt hatte, ist der passionierte
Langstrecken-Läufer am Sonntag, 3. November, diesmal selbst dabei
und berichtet von seinen Eindrücken.
New York City – ein Traum
beginnt endlich wahr zu werden. Nachdem ich monatelang daraufhin gearbeitet
habe, ging ich es am vergangenen Sonntag von Hannover aus via London nach
New York. Das Timing hätte kaum besser sein können. Seit Samstag
abend ist ganz New York im Partyrausch. An diesem Abend gewannen die New
York Yankees, in den USA auch besser bekannt als "Bronx Bombers", gegen
den Vorjahres-Champion Atlanta Braves mit 3 – 2 Runs und somit die komplette
Baseball World Series mit 4 – 2 Siegen.
Baseball hat für die
USA den gleichen Stellenwert wie Fußball für Europa. Mögen
die Baseball Regeln für die meisten Europäer ein Buch mit sieben
Siegeln sein, so hat doch wohl jeder schon einmal den Namen "NY Yankees"
gehört. New York ist ein Stadt, die für den Erfolg lebt. Nichts
zählt hier mehr. So beteiligten sich am Dienstag zirka drei Millionen
Menschen an der Siegesparade in Manhattan.
Ich wohnte bis Donnerstag
in Staten Island, einem der fünf Stadtteile, neben Queens, der Bronx,
Brooklyn und dem wohl bekanntesten Stadtteil New Yorks, nämlich Manhattan.
Sind der Zug und die Fähre
von Staten Island nach Manhattan an normalen Tagen gegen 10 Uhr zu 30 Prozent
besetzt, kann man von einer guten Auslastung sprechen. Am Dienstag jedoch
schien sie aus allen Nähten zu platzen, soviel Menschen waren auf
dem Weg zur Parade. Die Stimmung war großartig. Ständig hörte
man die "Let´s go Yankees"-Rufe und man konnte die fröhliche
Erregtheit der Menschen förmlich spüren.
Endlich in Manhattan angekommen,
begann das große Treiben zum Broadway hin, wo die Parade stattfinden
sollte. Ich muß zugeben, daß mich selten in meinem Leben etwas
so sehr beeindruckte wie diese Parade. Schon 1 ½ Stunden vor Beginn
stürmten Hunderttausende die Strecke und es wurden ständig mehr.
Vor mir versuchte eine verzweifelte
Geschäftsfrau, sich den Weg zur Gegenüberliegenden Straßenseite
zu erkämpfen, da sie zur Arbeit mußte. Für diese Aktion
erntete sie viel Gelächter und Sprüche wie: "Hey Babe, heute
ist Yankee-Tag! Ich mache mir keine Gedanken um meinen Job, warum Du also
um Deinen?" Doch New York wäre nicht New York, würde hier irgendein
Problem ungelöst bleiben und so fand sich auch ein Weg für diese
Frau.
Die Parade selbst war ein
Riesenschauspiel. Abwechselnd fuhren Spieler, Offizielle und Pressewagen
vorbei, dazwischen kamen immer wieder Big Bands, Marching Bands, Rock und
Popbands sowie jede Menge lokaler High School- und College Baseball Teams
vorbei. Die wahren Stars waren jedoch die Zuschauer. Sie schienen überall
zu sein. Sie klebten an jedem der unzähligen Hochhausfenster, sie
standen zu Hunderttausenden am Broadway und jubelten ununterbrochen.
Zusätzlich schien der
ganze Himmel, das heißt das wenige, was zwischen den Hochhäusern
zu sehen ist, erfüllt von Papierschnipseln, welche aus den obersten
Stockwerken der Gebäude heruntergeworfen wurden und auf die Parade
niederregneten. Nach gut 75 Minuten war die Parade vorbeigezogen.
Sollte ich wirklich eines
finalen Kicks für den New York Marathon benötigt haben, kann
ich nur sagen, daß ich jetzt erst recht voll motiviert bin. Oder
wie es die Amerikaner ausdrücken: I´m on fire!
Am nächsten Tag steht
immer noch ganz New York unter dem Eindruck der Siegesparade der NY Yankees.
Das Fernsehen und die Zeitungen überschlagen sich förmlich mit
Superlativen beim Versuch zu beschreiben, was hier geschah! Doch langsam,
aber unaufhaltsam rückt der 27. NY Marathon mehr und mehr in den Vordergrund
des Medieninteresses. Auch für mich beginnt jetzt der finale Countdown
mit dem Abholen der Startnummer. Die Ausgabe fand von Mittwoch bis Samstag
Abend im "New York Coliseum" statt.
Egal welchen Punkt man auch
immer in New York erreichen möchte, das Beste Fortbewegungsmittel
ist die Subway. Beschränkte sich das Subwaynetz bei der Eröffnung
im Jahre 1904 noch auf wenige Kilometer, so ist es heute mit über
1000 Kilometern wohl eines der effektivsten in der ganzen Welt.
Die Subway ist wie ein eigener
kleiner Mikrokosmos. Hier gibt es keine Unterschiede zwischen den Menschen.
Jeder zahlt seinen "Token" Eintritt im Gegenwert von 1,5 $ und hat damit
das gleiche Recht auf einen Sitzplatz in den zur "Rush Hour" ständig
überfüllten U-Bahnen zu kämpfen, wie jeder andere auch.
Mag es "da oben" in der realen Welt von Manhattan auch noch so große
Standesunterschiede geben, so sind sie hier hinfällig.
Bei der Startnummer-Ausgabe
wird man zunächst zum "Identification Desk" gelotst. Nachdem hier
die Übereinstimmung der "Registration Card" (welche jeder zugelassene
Läufer drei Wochen vor dem Marathon nach Hause zugeschickt bekommt
und die sämtliche Daten betreffs des Läufers, wie zum Beispiel
Alter, Geschlecht, Adresse beinhalten) mit den Angaben im Reisepaß
des "Registration Card"-Besitzers überprüft wurden, geht es sofort
zur nächsten Station.
In meinem Fall zur Startnummernausgabe
für den "Continental Airlines International Friendship Run ´96".
Dies ist ein kleiner Vorbereitungslauf am Sonnabend morgen über wenige
Kilometer im Central Park. Danach folgte endlich die Startnummernausgabe
für den Marathon. Es ist ein schönes Gefühl, endlich die
eigene Startnummer in den Händen zu halten. Ich habe die Nummer 1050.
Zusätzlich erhält
man noch jeweils einen Plastikbeutel mit allerlei Werbeprodukten der Sponsoren
sowie ein NY Marathon T-Shirt. Anschließend wird einem noch schnell
ein Poster in die Hand gedrückt und das war es dann. Die ganze Prozedur
dauert vielleicht ein Viertelstunde und das Klima dabei ist typisch für
NY: rauh, aber nett und zuvorkommend.
Bevor man jetzt jedoch den Ausgang
erreicht, kommt man automatisch in den "Gift Shop". Hier kann man sich Merchandise-Produkte
jeglicher Art kaufen, vom T-Shirt über die Kaffeetasse, vom Kalender bis
hin zum eigenen Video vom NYC-Marathon, welches zirka 60 Minuten dauern wird,
mindestens vier Szenen des eigenen Laufes, unter anderem die Zielankunft eines
jeden Bestellers beinhalten wird und vier Wochen nach dem Marathon in alle Welt
ausgeliefert wird.
Das Schöne daran ist,
daß die Amerikaner hierfür gar kein Geld haben wollen. Sie sind
lediglich an einem Stück Plastik, welches "Kreditkarte" genannt wird,
interessiert. Dieses Stück Plastik zaubert sogleich jedem Verkäufer
ein Lächeln ins Gesicht und er will dann auch gar kein Geld mehr sehen,
sondern gibt einem auch einfach so alles was man haben möchte oder
braucht. Nach einer Stunde entkam ich mit prall gefüllten Taschen
dem "Gift Shop".